Designszene Pforzheim
Es gibt einige Orte in Deutschland, die dem modernen Schmuckdesign besonders fruchtbaren Boden bieten und die wir nach und nach im „Schmuck Magazin“ vorstellen wollen. Unser erster Besuch gilt – natürlich – der Stadt Pforzheim, denn nirgendwo sonst tummeln sich so viele Kreative der Branche mit ihren Ideen. Hier die ersten Kurzportraits aus der Goldstadt. Andere werden folgen.
Zugegeben, es klingt etwas folkloristisch, wenn von der „Goldstadt Pforzheim“ die Rede ist. Dennoch ist es nicht nur die Geschichte der Schmuckindustrie, die diesen glänzenden Namen rechtfertigt. Man könnte stattdessen auch „Stadt des Schmuckdesigns“ sagen, denn hier sprudeln die Ideen der Kreativen nur so.
Warum das so ist, erklärt ein Blick in die Historie: Bereits im Jahre 1767 wurde der Grundstein für die Schmuckindustrie gelegt, als nämlich Markgraf Karl Friedrich von Baden dem Franzosen Jean François Autran die Errichtung einer Taschenuhrenfabrik und kurz darauf einer Schmuck- und Stahlwarenfabrik gestattete. Eine rasante Entwicklung nahm ihren Lauf. Um 1900 war Pforzheim – vor allem durch die fabrikmäßige Herstellung von günstigem Dubleeschmuck (eine aufgewalzte dünne Goldlegierungsschicht) – zum weltweit größten Zentrum der Schmuckfertigung geworden. Die Branche expandierte, 1913 war die Hälfte aller Pforzheimer in der Schmuck- und Uhrenindustrie tätig. Heute arbeiten in der 118.000 Einwohner zählenden Stadt – trotz aller Branchen- und Wirtschaftsprobleme und vielen Firmenschließungen – an die 7.000 Menschen in ca. 300 Schmuck- und Uhren produzierenden Betrieben.
Parallel zur industriellen Entwicklung entstanden bemerkenswerte Ausbildungsstätten:
Seit 1768 gibt es die Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule und einer Fachschule für Gestaltung im Bereich Schmuck und Gerät, die bis heute Schüler aus ganz Deutschland und dem Ausland anziehen. An der Kunst- und Werkschule Pforzheim unterrichteten berühmte Professoren, wie zum Beispiel Reinhold Reiling, von denen die moderne Schmuckkultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend beeinflusst wurde. Heute führt die Nachfolgeeinrichtung, die Hochschule für Gestaltung, die Ausbildung nicht nur im Bereich Schmuckdesign auf höchstem Niveau fort. Das weltbekannte Schmuckmuseum im Reuchlinhaus Pforzheim bietet eine einzigartige Sammlung von Originalen aus fünf Jahrhunderten, die 2005 eröffneten Schmuckwelten locken mit einem modernen
Erlebnis- und Einkaufszentrum.
ARS, ATELIER REISTER STRAUBENHARDT
Das Atelier in Straubenhardt, Nähe Pforzheim, besteht seit 1968. Die Besonderheit der Schmuckgestaltung liegt in strukturierten Oberflächen und den von der Natur inspirierten, harmonischen Formen. Typisch: das handwerkliche, schmeichelnde Design in den Materialfarben Gold und Silber. Neben dem Inhaber und kreativen Kopf des Unternehmens, Roland Reister, arbeiten zwei Designer exklusiv an dieser Aufgabe: Rolf Elsässer und Manfred Wünsch.
CLAUDIA GEIGER, GRUPPE JUNI
„Schmuck bedeutet Lebendigkeit und Veränderung, die spürt man in der Bewegung, an der Freude am Machen und Tragen. Gestalterische Feinheit und Leichtigkeit kennzeichnen den Stil. Der Schmuck reflektiert einen gewissen Charme von Luxus, der spielerisch die Weiblichkeit untermalt, wobei der Anspruch an Qualität und Design wesentlich ist. Gelingt es mir, einem Klassiker wie der einfachen Perlenkette ein neues offenes Gesicht zu geben, habe ich mit dem MOL Halsschmuck eine Veränderung geschaffen, in der das Design die Qualität und den Anspruch an Beständigkeit widerspiegelt“.
Werdegadegang
1968 In Freiburg im Breisgau geboren. Goldschmiedelehre in Freiburg, EG-Förderpreis und europäische Austauschprogramme, Mitarbeit Atelier Zobel, Konstanz, Studium und Diplom an der Hochschule für Gestaltung Pforzheim. Freischaffende Designerin, Gründungsmitglied der Gruppe Juni. Div. Stipendien und Preise.
ANNETTE EHINGER
„Tradition ist die Vorstellung von etwas fortwährend Bestehendem,
das sich nur in lichten Facetten verändert. Sie gibt einem das Gefühl von Sicherheit und Beständigkeit und ist im Schmuckbereich oft mit materiellen Werten verbunden. Ich spiele mit diesen Vorstellungen und komme auf andere Ideen. Dieses Prinzip von Leichtigkeit und Assoziation kann man in vielen meiner Arbeiten erkennen. Ich greife zum Beispiel traditionelle Elemente auf, werfe sie in die Luft und bringe sie zu etwas Neuem zusammen“.
Werdegang
1978 in Pforzheim geboren. Praktikum im Schmuckatelier, dann Studium und Diplom an der Fachhochschule für Gestaltung Pforzheim. Praktikum am Théatre National de Strasbourg im Kostümatelier. Seit 2004 selbstständige Designerin für Schmuck und Gerät.
SABINE HAUSS
Kombinieren und Variieren mit Ohrschmuck – auch die neue Clipkollektion lässt sich in Größe, Form und Farbe verändern. Die Steckelemente laden zum Kombinieren ein. Überschneidungen können entstehen, zusätzliche Scheiben verändern den Gesamteindruck. Einfarbige oder mehrfarbige Steckelemente mit japanischer Lacktechnik bieten vielfältige Möglichkeiten und machen den Ohrschmuck zum Unikat.
Werdegadegang
1961 geboren in Pforzheim, Lehre als Goldschmiedin, danach Besuch der Fachhochschule für Gestaltung, Pforzheim, FB Schmuck- und Gerätedesign, Diplom Des. FH. Graduiertenstipendium DAAD, Barcelona; Besuch der Escuela Massana, Barcelona, Fachbereich Schmuckdesign bei Prof. R Puig Cuyas, FB japanische Lacktechnik. Seit 1986 freischaffend, seit 1991 Atelier in Pforzheim.
PATRICK MALOTKI, GRUPPE JUNI
Eine der ersten wichtigen Arbeiten von Patrick Malotki war der Tautropfenring: ein klar gestalteter Kunststoffring, der einen Brillantsolitär umhüllt. Aus der Beobachtung von gerissenem Eisen entstand die Ringserie „Ur-Sprung“. In Edelstahl sowie in Gelb- oder Weißgold zählen die Ringe mit dem Materialbruch zu seinen begehrtesten Stücken. „Es ist der Stolz und zwischendurch auch der Zweifel, der zu immer größeren Dingen verhilft,“ sagt Patrick Malotki.
Werdegadegang
1974 in San Diego, Kalifornien, USA geboren. Studium an der Northern Arizona University, 2 Austauschsemester an der HFG Pforzheim. Bachelor of Fine Arts. Studium und Diplom an der HFG Pforzheim, Mitgründer der Firma JUNI, freischaffender Designer bei der Firma Bunz, Dobel. Div. Ausstellungen und Auszeichnungen.
SABINE-RING KIRSCHLER
Heavy Metal: kein Hardrock – sondern „Musik“ für Hände, Arme und Hälse. Colourful: farbenfrohe Designs, bunte Flächen und transluzente Durchbrüche. Motiv: Ornamentik und Grafik treffen auf Silber und Gold – so verbinden sich Leichtigkeit mit Strenge. Gedicht: Poesie in Metall – Liebesgedichte und Geschichten ranken sich um Ringe oder zieren Anhänger.
Werdegadegang
Schmuckmachen hat in der Familie Ring-Kirschler Tradition: Der Urgroßvater, der Großvater, der Vater – alle waren Goldschmiedemeister wie sie selbst es dann auch geworden ist. Der Vater bemerkte ihr Talent früh und lehrte sie sehen – also richtig hinschauen und aufnehmen. Sie hatte die freie Wahl zwischen vielen künstlerischen Berufen und hat sich für Schmuckdesign entschieden.
OLIVER SCHMID, GRUPPE JUNI
Seine Schmuckideen entstehen im gestalterischen Prozess und beim Erforschen neuer Wege. Nichts soll verdeckt, nichts verziert werden; Klarheit und Präzision sind wesentlich. „Im Verformungsprozess und beim Bewegen von Metall gibt es einen Punkt, der die Richtung vorgibt. Da muss man weitermachen.“ Große Resonanz fanden die Knotenringe, von der Natur inspiriert sind seine Ohr- und Armschmuckserien.
Werdegadegang
1970 geboren in Wasserburg am Bodensee, Goldschmiedelehre in Konstanz. Gaststudium für Schmuck und Gerät an der Hochschule Pforzheim. Zusammentreffen mit Rudolf Bott, einem Schüler von Hermann Jünger. Gemeinsame Projektarbeiten in Silber. Seit 1999 als Schmuck- und Gerätedesigner selbstständig. Mitbegründer der Gruppe Juni. Div. Auszeichnungen und Ausstellungen.
CLAUDIA SCHÜLLER
Die Arbeiten zeichnen sich durch ein Konzept der Positiv-NegativForm aus. Schrift wird als Träger einer Botschaft eingesetzt. Die Schmuckstücke sind charmante Äquivalente zu unserer eigenen partnerschaftlichen Erfahrung mit der Hoffnung auf
Zusammengehörigkeit. Sie sind einzigartig kombinierbar und unterstreichen die moderne Lust auf Individualität – in jeder Beziehung.
Werdegadegang
1965 als Deutsche in Turnhout/ Belgien geboren. Berufsfachschule für Goldschmiede in Pforzheim, Lehre und Facharbeiterprüfung. Freiberufliche Designtätigkeit, Reisen in Afrika und Südamerika. Gasthörerin an der Hochschule für Studium an der Hochschule für Gestaltung Pforzheim. USA-Aufenthalte. Seit 1993 selbstständige Schmuckdesignerin. Teilnahme an Ausstellungen und Messen. Werkstatt zunächst in Berlin, seit September 1998 in Pforzheim.
EVA STREPP
Die Ideen für die Schmuckstücke sind einfach und klar. Einfache Prinzipien, klare Formen. Im Mittelpunkt stehen einzelne Perlen – vollkommene, runde Körper, Schicht um Schicht gewachsen. Strahlend schöne Lichtpunkte, glänzende Begleiter.
Werdegadegang
1975 in Pforzheim geboren. Studium der freien Kunst, Literatur und Theaterwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität
Mainz. Danach Ausbildung zur Goldschmiedin an der Zeichenakademie Hanau. Es folgt ein Studium an der Fachhochschule für Gestaltung Pforzheim, Abschluss mit dem Diplom für Schmuckgestaltung. Seit 2003 eigenes Atelier für Design und Schmuckwerkstatt in Pforzheim.













